846 Planeten des Zufalls by Hans Kneifel

846 Planeten des Zufalls by Hans Kneifel

Autor:Hans Kneifel [Kneifel, Hans]
Die sprache: deu
Format: epub
Tags: Die Schwarzen Sternenbrüder
Herausgeber: Pabel
veröffentlicht: 0101-01-01T00:00:00+00:00


*

Statt der Sandalen trug er teure Raumfahrerstiefel. Die Mütze auf seinem Kopf war vom Schmutz, der Benutzung und zahllosen Wäschen farblos geworden und schlaff. Der Rucksack hing über seinen krummen, buckligen Schultern wie ein widerspenstiges Lebewesen. Den Kopf kippte er in den Nacken, hob den rechten Arm, bis er schmerzte, und winkte der langsam aufsteigenden HORNISSE nach.

»Der Abschied, Freunde, ist endgültig«, brummte er. »Seid froh, dass ihr noch lebt. Denkt ein wenig an den alten Sternentramp.«

Dringend wünschte er sich ein Stück Kautabak, aber damit musste er noch bis zum Zeitversteck warten.

Als das Raumschiff nur noch ein blitzender Punkt zwischen fröhlichen weißen Sommerwolken war, ließ er den Arm sinken und wandte sich um. Er schlurfte auf die Allee aus Säulen, Säulenstümpfen und Säulentrümmern zu.

Allein. Zufrieden? Teilweise. Ein langes, erfülltes Kapitel schloss. Er wich sorgfältig den Trümmern aus und sann über die Zeitläufe und die Eigenschaft der Jahrtausende nach, alles zu verändern, zu zerbröseln, altern zu lassen. Den Weg kannte er bereits; bald war der steinerne Kopf erreicht, neun Meter hoch, dessen Obsidianaugen ihn nachdenklich und, wie es schien, skeptisch-herausfordernd anblickten als Wiederholung seiner eigenen Art, die Dinge zu betrachten.

Er schlug mit der Faust aufs linke, dann zweimal aufs rechte Auge, griff mit beiden Händen tief in die Nasenlöcher und fand die Hebel, die er nach Sonnenaufgang mit einem Kontaktmittel gelockert hatte. Mit dem Knirschen, das jahrtausendealte Lager implizierte, schwang der Schädel an der Naht von Stirn bis Kinn wie ein herrschaftliches Portal nach beiden Seiten auf. Colemayn hörte das Summen zahlloser Insekten, das hundertstimmige Zwitschern der Vögel und das Rascheln unsichtbarer, kleiner Tiere in den wild wuchernden Büschen.

Er führte einige Schaltungen aus. Die Schalter waren doppelt handgroße Steinkeile. Im Innern klickte, summte und knisterte es, dann bauten sich die Felder eines Pedotransmitters auf.

»Für die Ewigkeit gebaut. Also auch für mich«, sagte er leise und trat in den Innenraum. Hinter ihm schlossen sich – Stein kreischte und knirschte markerschütternd auf Steingries – beide Hälften des ehrwürdigen Antlitzes.

Ein Schritt brachte ihn näher, der zweite mitten in das Abstrahlfeld. Einen unfassbar kurzen Zeitabschnitt später fand sich der Sternentramp in der geräumigen, kristallen leuchtenden Höhle eines Omirgos-Kristalls wieder. Bevor er sich konzentrierte und durch seine Gedanken den nächsten Sprung auslöste (den Sprung auf den Zeitpfad vor dem Zeittor), schrak er zurück.

Die spezielle Erfahrung, lange nicht mehr gebraucht, sagte ihm, dass er sich in dem größten denkbaren Kristall dieser Art befand.

»Hast du's eilig, Sternentramp?«, fragte er sich laut. Die glühenden Wände verschluckten seine Stimme.

»Nein«, antwortete er sich selbst.

»Willst du die Eigenschaften dieses Riesenomirgos wohlwollend betrachten?«

»Selbstverständlich. Man lernt nie aus.«

»Dann warte.«

»Warum?«

Es würde spannend sein, als Teil dieses Kristalls zu agieren und mitzuerleben, wie sich diese riesenhafte Umwelt verhielt. Schon jetzt wusste er, dass der Kristall schätzungsweise planetengroß war.

»Weil dich irgend etwas berühren wird. Du wirst etwas erleben.«

»Tatsächlich?«

»Ja. Oder hast du's sooo eilig?«

»Nicht im mindesten.«

Colemayn grinste breit, nahm den Rucksack von den Schultern und lehnte sich gegen den kühl glühenden Kristall.

Irgend etwas würde geschehen. Er hatte keine Ahnung, keine Vorstellung, was es sein würde. Er wartete mit der geduldigen Ruhe eines Planetenwanderers.



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